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    The Selected Poetry of Rainer Maria Rilke

    Page 21
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      nicht weiß ich, welche Töne dir lieb sind.

      Nicht mehr versuch ich, dich, wenn das Kommende wogt,

      zu erkennen. Alle die großen

      Bilder in mir, im Fernen erfahrene Landschaft,

      Städte und Türme und Brücken und un-vermutete

      Wendung der Wege

      und das Gewaltige jener von Göttern

      einst durchwachsenen Länder:

      steigt zur Bedeutung in mir

      deiner, Entgehende, an.

      Ach, die Gärten bist du,

      ach, ich sah sie mit solcher

      Hoffnung. Ein offenes Fenster

      im Landhaus—, und du tratest beinahe

      mir nachdenklich heran. Gassen fand ich,—

      du warst sie gerade gegangen,

      und die Spiegel manchmal der Läden der Händler

      waren noch schwindlich von dir und gaben erschrocken

      mein zu plötzliches Bild.—Wer weiß, ob derselbe

      Vogel nicht hinklang durch uns

      gestern, einzeln, im Abend?

      WENDUNG

      Der Weg von der Innigkeit zur Größe geht durch das Opfer.

      Kassner

      Lange errang ers im Anschaun.

      Sterne brachen ins Knie

      unter dem ringenden Aufblick.

      Oder er anschaute knieend,

      und seines Instands Duft

      machte ein Göttliches müd,

      daß es ihm lächelte schlafend.

      Türme schaute er so,

      daß sie erschraken:

      wieder sie bauend, hinan, plötzlich, in Einem!

      Aber wie oft, die vom Tag

      überladene Landschaft

      ruhete hin in sein stilles Gewahren, abends.

      Tiere traten getrost

      in den offenen Blick, weidende,

      und die gefangenen Löwen

      starrten hinein wie in unbegreifliche Freiheit;

      Vögel durchflogen ihn grad,

      den gemütigen; Blumen

      wiederschauten in ihn

      groß wie in Kinder.

      Und das Gerücht, daß ein Schauender sei,

      rührte die minder,

      fraglicher Sichtbaren,

      rührte die Frauen.

      Schauend wie lang?

      Seit wie lange schon innig entbehrend,

      flehend im Grunde des Blicks?

      Wenn er, ein Wartender, saß in der Fremde; des Gasthofs

      zerstreutes, abgewendetes Zimmer

      mürrisch um sich, und im vermiedenen Spiegel

      wieder das Zimmer

      und später vom quälenden Bett aus

      wieder:

      da beriets in der Luft,

      unfaßbar beriet es

      über sein fühlbares Herz,

      über sein durch den schmerzhaft verschütteten Körper

      dennoch fühlbares Herz

      beriet es und richtete:

      daß es der Liebe nicht habe.

      (Und verwehrte ihm weitere Weihen.)

      Denn des Anschauns, siehe, ist eine Grenze.

      Und die geschautere Welt

      will in der Liebe gedeihn.

      Werk des Gesichts ist getan,

      tue nun Herz-Werk

      an den Bildern in dir, jenen gefangenen; denn du

      überwältigtest sie: aber nun kennst du sie nicht.

      Siehe, innerer Mann, dein inneres Mädchen,

      dieses errungene aus

      tausend Naturen, dieses

      erst nur errungene, nie

      noch geliebte Geschöpf.

      KLAGE

      Wem willst du klagen, Herz? Immer gemiedener

      ringt sich dein Weg durch die unbegreiflichen

      Menschen. Mehr noch vergebens vielleicht,

      da er die Richtung behält,

      Richtung zur Zukunft behält,

      zu der verlorenen.

      Früher. Klagtest? Was wars? Eine gefallene

      Beere des Jubels, unreife.

      Jetzt aber bricht mir mein Jubel-Baum,

      bricht mir im Sturme mein langsamer

      Jubel-Baum.

      Schönster in meiner unsichtbaren

      Landschaft, der du mich kenntlicher

      machtest Engeln, unsichtbaren.

      >MAN MUSS STERBEN WEIL MAN SIE KENNT<

      (>Papyrus Prisse<. Aus den Sprüchen des Ptah-hotep, Handschrift um 2000 v. Ch.)

      > Man muß sterben weil man sie kennt. < Sterben

      an der unsäglichen Blüte des Lächelns. Sterben

      an ihren leichten Händen. Sterben

      an Frauen.

      Singe der Jüngling die tödlichen,

      wenn sie ihm hoch durch den Herzraum

      wandeln. Aus seiner blühenden Brust

      sing er sie an:

      unerreichbare! Ach, wie sie fremd sind.

      Über den Gipfeln

      seines Gefühls gehn sie hervor und ergießen

      süß verwandelte Nacht ins verlassene

      Tal seiner Arme. Es rauscht

      Wind ihres Aufgangs im Laub seines Leibes. Es glänzen

      seine Bäche dahin.

      Aber der Mann

      schweige erschütterter. Er, der

      pfadlos die Nacht im Gebirg

      seiner Gefühle geirrt hat:

      schweige.

      Wie der Seemann schweigt, der ältere,

      und die bestandenen

      Schrecken spielen in ihm wie in zitternden Käfigen.

      AN HÖLDERLIN

      Verweilung, auch am Vertrautesten nicht,

      ist uns gegeben; aus den erfüllten

      Bildern stürzt der Geist zu plötzlich zu füllenden; Seeen

      sind erst im Ewigen. Hier ist Fallen

      das Tüchtigste. Aus dem gekonnten Gefühl

      überfallen hinab ins geahndete, weiter.

      Dir, du Herrlicher, war, dir war, du Beschwörer, ein ganzes

      Leben das dringende Bild, wenn du es aussprachst,

      die Zeile schloß sich wie Schicksal, ein Tod war

      selbst in der lindesten, und du betratest ihn; aber

      der vorgehende Gott führte dich drüben hervor.

      O du wandelnder Geist, du wandelndster! Wie sie doch alle

      wohnen im warmen Gedicht, häuslich, und lang

      bleiben im schmalen Vergleich. Teilnehmende. Du nur

      ziehst wie der Mond. Und unten hellt und verdunkelt

      deine nächtliche sich, die heilig erschrockene Landschaft,

      die du in Abschieden fühlst. Keiner

      gab sie erhabener hin, gab sie ans Ganze

      heiler zurück, unbedürftiger. So auch

      spieltest du heilig durch nicht mehr gerechnete Jahre

      mit dem unendlichen Glück, als wär es nicht innen, läge

      keinem gehörend im sanften

      Rasen der Erde umher, von göttlichen Kindern verlassen.

      Ach, was die Höchsten begehren, du legtest es wunschlos

      Baustein auf Baustein: es stand. Doch selber sein Umsturz

      irrte dich nicht.

      Was, da ein solcher, Ewiger, war, mißtraun wir

      immer dem Irdischen noch? Statt am Vorläufigen ernst

      die Gefühle zu lernen für welche

      Neigung, künftig im Raum?

      [Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens]

      Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,

      siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,

      aber wie klein auch, noch ein letztes

      Gehöft von Gefühl. Erkennst du’s?

      Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund

      unter den Händen. Hier blüht wohl

      einiges auf; aus stummem Absturz

      blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.

      Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann

      und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.

      Da geht wohl, heilen Bewußtseins,

      manches umher, manches gesicherte Bergtier,

      wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel

      kreist um der Gipfel reine Verweigeru
    ng.—Aber

      ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens.…

      DER TOD

      Da steht der Tod, ein bläulicher Absud

      in einer Tasse ohne Untersatz.

      Ein wunderlicher Platz für eine Tasse:

      steht auf dem Rücken einer Hand. Ganz gut

      erkennt man noch an dem glasierten Schwung

      den Bruch des Henkels. Staubig. Und: >Hoff-nung<

      an ihrem Bug in aufgebrauchter Schrift.

      Das hat der Trinker, den der Trank betrifft,

      bei einem fernen Frühstück ab-gelesen.

      Was sind denn das für Wesen,

      die man zuletzt wegschrecken muß mit Gift?

      Blieben sie sonst? Sind sie denn hier vernarrt

      in dieses Essen voller Hindernis?

      Man muß ihnen die harte Gegenwart

      ausnehmen, wie ein künstliches Gebiß.

      Dann lallen sie. Gelall, Gelall.…

      . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

      O Sternenfall,

      von einer Brücke einmal eingesehn—:

      Dich nicht vergessen. Stehn!

      AN DIE MUSIK

      Musik: Atem der Statuen. Vielleicht:

      Stille der Bilder. Du Sprache wo Sprachen

      enden. Du Zeit,

      die senkrecht steht auf der Richtung vergehender Herzen.

      Gefühle zu wem? O du der Gefühle

      Wandlung in was?—: in hörbare Landschaft.

      Du Fremde: Musik. Du uns entwachsener

      Herzraum. Innigstes unser,

      das, uns übersteigend, hinausdrängt,—

      heiliger Abschied:

      da uns das Innre umsteht

      als geübteste Ferne, als andre

      Seite der Luft:

      rein,

      riesig,

      nicht mehr bewohnbar.

      DUINESER ELEGIEN

      (1923)

      Notes

      The property of Princess

      Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe

      (1912/1922)

      DIE ERSTE ELEGIE

      Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel

      Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme

      einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem

      stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts

      als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,

      und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,

      uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.

      Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf

      dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen

      wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,

      und die findigen Tiere merken es schon,

      daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind

      in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht

      irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich

      wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern

      und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,

      der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.

      O und die Nacht, die Nacht, wenn der Wind voller Weltraum

      uns am Angesicht zehrt—, wem bliebe sie nicht, die ersehnte,

      sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzen

      mühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter?

      Ach, sie verdecken sich nur mit einander ihr Los.

      Weißt du’s noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere

      zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögel

      die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.

      Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche

      Sterne dir zu, daß du sie spürtest. Es hob

      sich eine Woge heran im Vergangenen, oder

      da du vorüberkamst am geöffneten Fenster,

      gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag.

      Aber bewältigtest du’s? Warst du nicht immer

      noch von Erwartung zerstreut, als kündigte alles

      eine Geliebte dir an? (Wo willst du sie bergen,

      da doch die großen fremden Gedanken bei dir

      aus und ein gehn und öfters bleiben bei Nacht.)

      Sehnt es dich aber, so singe die Liebenden; lange

      noch nicht unsterblich genug ist ihr berühmtes Gefühl.

      Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die du

      so viel liebender fandst als die Gestillten. Beginn

      immer von neuem die nie zu erreichende Preisung;

      denk: es erhält sich der Held, selbst der Untergang war ihm

      nur ein Vorwand, zu sein: seine letzte Geburt.

      Aber die Liebenden nimmt die erschöpfte Natur

      in sich zurück, als wären nicht zweimal die Kräfte,

      dieses zu leisten. Hast du der Gaspara Stampa

      denn genügend gedacht, daß irgend ein Mädchen,

      dem der Geliebte entging, am gesteigerten Beispiel

      dieser Liebenden fühlt: daß ich würde wie sie?

      Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen

      fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, daß wir liebend

      uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn:

      wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung

      mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.

      Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nur

      Heilige hörten: daß sie der riesige Ruf

      aufhob vom Boden; sie aber knieten,

      Unmögliche, weiter und achtetens nicht:

      So waren sie hörend. Nicht, daß du Gottes ertrügest

      die Stimme, bei weitem. Aber das Wehende höre,

      die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet.

      Es rauscht jetzt von jenen jungen Toten zu dir.

      Wo immer du eintratst, redete nicht in Kirchen

      zu Rom and Neapel ruhig ihr Schicksal dich an?

      Oder es trug eine Inschrift sich erhaben dir auf,

      wie neulich die Tafel in Santa Maria Formosa.

      Was sie mir wollen? leise soll ich des Unrechts

      Anschein abtun, der ihrer Geister

      reine Bewegung manchmal ein wenig behindert.

      Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen,

      kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben,

      Rosen, und andern eigens versprechenden Dingen

      nicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben;

      das, was man war in unendlich ängstlichen Händen,

      nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namen

      wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug.

      Seltsam, die Wünsche nicht weiterzuwünschen. Seltsam,

      alles, was sich bezog, so lose im Raume

      flattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsam

      und voller Nachholn, daß man allmählich ein wenig

      Ewigkeit spürt.—Aber Lebendige machen

      alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden.

      Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter

      Lebenden gehn oder Toten. Die ewige Strömung

      reißt durch beide Bereiche alle Alter

      immer mit sich und übertönt sie in beiden.

      Schließlich brauchen sie uns nicht mehr, die Früheentrückten,

      man entwöhnt sich des Irdischen sanft, wie man den Brüsten

      milde der Mutter entwächst. Aber wir, die so große

      Geheimnisse brauchen, denen aus Trauer so oft

      seliger Fortschritt entspringt—: könnten wir sein ohne sie?

      Ist die Sage umsonst, daß einst in der Klage um Linos

      wagende erste Musik dürre Erstarrung durchdrang;

      daß erst im erschrockenen Raum, dem ein beinah göttlicher Jüngling

      plötzlich für immer enttrat, das Leere in jene

      Schwingung geriet, die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft.

      DIE ZWEITE ELEGIE

      Jeder Engel ist schrecklich. Und dennoch
    , weh mir,

      ansing ich euch, fast tödliche Vögel der Seele,

      wissend um euch. Wohin sind die Tage Tobiae,

      da der Strahlendsten einer stand an der einfachen Haustür,

      zur Reise ein wenig verkleidet und schon nicht mehr furchtbar;

      (Jüngling dem Jüngling, wie er neugierig hinaussah).

      Träte der Erzengel jetzt, der gefährliche, hinter den Sternen

      eines Schrittes nur nieder und herwärts: hochauf-

      schlagend erschlüg uns das eigene Herz. Wer seid ihr?

      Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,

      Höhenzüge, morgenrötliche Grate

      aller Erschaffung,—Pollen der blühenden Gottheit,

      Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,

      Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte

      stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,

      Spiegel: die die entströmte eigene Schönheit

      wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.

      Denn wir, wo wir fühlen, verflüchtigen; ach wir

      atmen uns aus und dahin; von Holzglut zu Holzglut

      geben wir schwächern Geruch. Da sagt uns wohl einer:

      ja, du gehst mir ins Blut, dieses Zimmer, der Frühling

      füllt sich mit dir … Was hilfts, er kann uns nicht halten,

      wir schwinden in ihm und um ihn. Und jene, die schön sind,

      o wer hält sie zurück? Unaufhörlich steht Anschein

      auf in ihrem Gesicht und geht fort. Wie Tau von dem Frühgras

      hebt sich das Unsre von uns, wie die Hitze von einem

      heißen Gericht. O Lächeln, wohin? O Aufschaun:

      neue, warme, entgehende Welle des Herzens—;

      weh mir: wir sinds doch. Schmeckt denn der Weltraum,

      in den wir uns lösen, nach uns? Fangen die Engel

      wirklich nur Ihriges auf, ihnen Entströmtes,

      oder ist manchmal, wie aus Versehen, ein wenig

      unseres Wesens dabei? Sind wir in ihre

      Züge soviel nur gemischt wie das Vage in die Gesichter

      schwangerer Frauen? Sie merken es nicht in dem Wirbel

     


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