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    The Selected Poetry of Rainer Maria Rilke

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      wird dein stärkstes Schauen aufgelöst:

      wie ein Tobender, wenn er in vollster

      Raserei ins Schwarze stampft,

      jählings am benehmenden Gepolster

      einer Zelle aufhört und verdampft.

      Alle Blicke, die sie jemals trafen,

      scheint sie also an sich zu verhehlen,

      um darüber drohend und verdrossen

      zuzuschauern und damit zu schlafen.

      Doch auf einmal kehrt sie, wie geweckt,

      ihr Gesicht und mitten in das deine:

      und da triffst du deinen Blick im geelen

      Amber ihrer runden Augensteine

      unerwartet wieder: eingeschlossen

      wie ein ausgestorbenes Insekt.

      DIE FLAMINGOS

      Jardin des Plantes, Paris

      In Spiegelbildern wie von Fragonard

      ist doch von ihrem Weiß und ihrer Röte

      nicht mehr gegeben, als dir einer böte,

      wenn er von seiner Freundin sagt: sie war

      noch sanft von Schlaf. Denn steigen sie ins Grüne

      und stehn, auf rosa Stielen leicht gedreht,

      beisammen, blühend, wie in einem Beet,

      verführen sie verführender als Phryne

      sich selber; bis sie ihres Auges Bleiche

      hinhalsend bergen in der eignen Weiche,

      in welcher Schwarz und Fruchtrot sich versteckt.

      Auf einmal kreischt ein Neid durch die Volière;

      sie aber haben sich erstaunt gestreckt

      und schreiten einzeln ins Imaginäre.

      BUDDHA IN DER GLORIE

      Mitte aller Mitten, Kern der Kerne,

      Mandel, die sich einschließt und versüßt,—

      dieses Alles bis an alle Sterne

      ist dein Fruchtfleisch: Sei gegrüßt.

      Sieh, du fühlst, wie nichts mehr an dir hängt;

      im Unendlichen ist deine Schale,

      und dort steht der starke Saft und drängt.

      Und von außen hilft ihm ein Gestrahle,

      denn ganz oben werden deine Sonnen

      voll und glühend umgedreht.

      Doch in dir ist schon begonnen,

      was die Sonnen übersteht.

      FROM

      REQUIEM

      [German]

      (1909)

      Notes

      REQUIEM FÜR EINE FREUNDIN

      Ich habe Tote, und ich ließ sie hin

      und war erstaunt, sie so getrost zu sehn,

      so rasch zuhaus im Totsein, so gerecht,

      so anders als ihr Ruf. Nur du, du kehrst

      zurück; du streifst mich, du gehst um, du willst

      an etwas stoßen, daß es klingt von dir

      und dich verrät. O nimm mir nicht, was ich

      langsam erlern. Ich habe recht; du irrst

      wenn du gerührt zu irgend einem Ding

      ein Heimweh hast. Wir wandeln dieses um;

      es ist nicht hier, wir spiegeln es herein

      aus unserm Sein, sobald wir es erkennen.

      Ich glaubte dich viel weiter. Mich verwirrts,

      daß du gerade irrst und kommst, die mehr

      verwandelt hat als irgend eine Frau.

      Daß wir erschraken, da du starbst, nein, daß

      dein starker Tod uns dunkel unterbrach,

      das Bisdahin abreißend vom Seither:

      das geht uns an; das einzuordnen wird

      die Arbeit sein, die wir mit allem tun.

      Doch daß du selbst erschrakst und auch noch jetzt

      den Schrecken hast, wo Schrecken nicht mehr gilt;

      daß du von deiner Ewigkeit ein Stück

      verlierst und hier hereintrittst, Freundin, hier,

      wo alles noch nicht ist; daß du zerstreut,

      zum ersten Mal im All zerstreut und halb,

      den Aufgang der unendlichen Naturen

      nicht so ergriffst wie hier ein jedes Ding;

      daß aus dem Kreislauf, der dich schon empfing,

      die stumme Schwerkraft irgend einer Unruh

      dich niederzieht zur abgezählten Zeit—:

      dies weckt mich nachts oft wie ein Dieb, der einbricht.

      Und dürft ich sagen, daß du nur geruhst,

      daß du aus Großmut kommst, aus Überfülle,

      weil du so sicher bist, so in dir selbst,

      daß du herumgehst wie ein Kind, nicht bange

      vor Örtern, wo man einem etwas tut—:

      doch nein: du bittest. Dieses geht mir so

      bis ins Gebein und querrt wie eine Säge.

      Ein Vorwurf, den du trügest als Gespenst,

      nachtrügest mir, wenn ich mich nachts zurückzieh

      in meine Lunge, in die Eingeweide,

      in meines Herzens letzte ärmste Kammer,—

      ein solcher Vorwurf wäre nicht so grausam,

      wie dieses Bitten ist. Was bittest du?

      Sag, soll ich reisen? Hast du irgendwo

      ein Ding zurückgelassen, das sich quält

      und das dir nachwill? Soll ich in ein Land,

      das du nicht sahst, obwohl es dir verwandt

      war wie die andre Hälfte deiner Sinne?

      Ich will auf seinen Flüssen fahren, will

      an Land gehn und nach alten Sitten fragen,

      will mit den Frauen in den Türen sprechen

      und zusehn, wenn sie ihre Kinder rufen.

      Ich will mir merken, wie sie dort die Landschaft

      umnehmen draußen bei der alten Arbeit

      der Wiesen und der Felder; will begehren,

      vor ihren König hingeführt zu sein,

      und will die Priester durch Bestechung reizen,

      daß sie mich legen vor das stärkste Standbild

      und fortgehn und die Tempeltore schließen.

      Dann aber will ich, wenn ich vieles weiß,

      einfach die Tiere anschaun, daß ein Etwas

      von ihrer Wendung mir in die Gelenke

      herübergleitet; will ein kurzes Dasein

      in ihren Augen haben, die mich halten

      und langsam lassen, ruhig, ohne Urteil.

      Ich will mir von den Gärtnern viele Blumen

      hersagen lassen, daß ich in den Scherben

      der schönen Eigennamen einen Rest

      herüberbringe von den hundert Düften.

      Und Früchte will ich kaufen, Früchte, drin

      das Land noch einmal ist, bis an den Himmel.

      Denn Das verstandest du: die vollen Früchte.

      Die legtest du auf Schalen vor dich hin

      und wogst mit Farben ihre Schwere auf.

      Und so wie Früchte sahst du auch die Fraun

      und sahst die Kinder so, von innen her

      getrieben in die Formen ihres Daseins.

      Und sahst dich selbst zuletzt wie eine Frucht,

      nahmst dich heraus aus deinen Kleidern, trugst

      dich vor den Spiegel, ließest dich hinein

      bis auf dein Schauen; das blieb groß davor

      und sagte nicht: das bin ich; nein: dies ist.

      So ohne Neugier war zuletzt dein Schaun

      und so besitzlos, von so wahrer Armut,

      daß es dich selbst nicht mehr begehrte: heilig.

      So will ich dich behalten, wie du dich

      hinstelltest in den Spiegel, tief hinein

      und fort von allem. Warum kommst du anders?

      Was widerrufst du dich? Was willst du mir

      einreden, daß in jenen Bernsteinkugeln

      um deinen Hals noch etwas Schwere war

      von jener Schwere, wie sie nie im Jenseits

      beruhigter Bilder ist; was zeigst du mir

      in deiner Haltung eine böse Ahnung;

      was heißt dich die Konturen deines Leibes

      auslegen wie die Linien einer Hand,

      daß ich sie nicht mehr sehn kann ohne Schicksal?

      Komm her ins Kerzenlicht. Ich bin nicht bang,

      die Toten anzuschauen. Wenn sie kommen,

      so haben sie ein Recht, in unserm Blick

      sich aufzuhalten, wie die andern Dinge.

      Komm her; wi
    r wollen eine Weile still sein.

      Sieh diese Rose an auf meinem Schreibtisch;

      ist nicht das Licht um sie genau so zaghaft

      wie über dir: sie dürfte auch nicht hier sein.

      Im Garten draußen, unvermischt mit mir,

      hätte sie bleiben müssen oder hingehn,—

      nun währt sie so: was ist ihr mein Bewußtsein?

      Erschrick nicht, wenn ich jetzt begreife, ach,

      da steigt es in mir auf: ich kann nicht anders,

      ich muß begreifen, und wenn ich dran stürbe.

      Begreifen, daß du hier bist. Ich begreife.

      Ganz wie ein Blinder rings ein Ding begreift,

      fühl ich dein Los und weiß ihm keinen Namen.

      Laß uns zusammen klagen, daß dich einer

      aus deinem Spiegel nahm. Kannst du noch weinen?

      Du kannst nicht. Deiner Tränen Kraft und Andrang

      hast du verwandelt in dein reifes Anschaun

      und warst dabei, jeglichen Saft in dir

      so umzusetzen in ein starkes Dasein,

      das steigt und kreist, im Gleichgewicht und blindlings.

      Da riß ein Zufall dich, dein letzter Zufall

      riß dich zurück aus deinem fernsten Fortschritt

      in eine Welt zurück, wo Säfte wollen.

      Riß dich nicht ganz; riß nur ein Stück zuerst,

      doch als um dieses Stück von Tag zu Tag

      die Wirklichkeit so zunahm, daß es schwer ward,

      da brauchtest du dich ganz: da gingst du hin

      und brachst in Brocken dich aus dem Gesetz

      mühsam heraus, weil du dich brauchtest. Da

      trugst du dich ab und grubst aus deines Herzens

      nachtwarmem Erdreich die noch grünen Samen,

      daraus dein Tod aufkeimen sollte: deiner,

      dein eigner Tod zu deinem eignen Leben.

      Und aßest sie, die Körner deines Todes,

      wie alle andern, aßest seine Körner,

      und hattest Nachgeschmack in dir von Süße,

      die du nicht meintest, hattest süße Lippen,

      du: die schon innen in den Sinnen süß war.

      O laß uns klagen. Weißt du, wie dein Blut

      aus einem Kreisen ohnegleichen zögernd

      und ungern wiederkam, da du es abriefst?

      Wie es verwirrt des Leibes kleinen Kreislauf

      noch einmal aufnahm; wie es voller Mißtraun

      und Staunen eintrat in den Mutterkuchen

      und von dem weiten Rückweg plötzlich müd war.

      Du triebst es an, du stießest es nach vorn,

      du zerrtest es zur Feuerstelle, wie

      man eine Herde Tiere zerrt zum Opfer;

      und wolltest noch, es sollte dabei froh sein.

      Und du erzwangst es schließlich: es war froh

      und lief herbei und gab sich hin. Dir schien,

      weil du gewohnt warst an die andern Maße,

      es wäre nur für eine Weile; aber

      nun warst du in der Zeit, und Zeit ist lang.

      Und Zeit geht hin, und Zeit nimmt zu, und Zeit

      ist wie ein Rückfall einer langen Krankheit.

      Wie war dein Leben kurz, wenn du’s vergleichst

      mit jenen Stunden, da du saßest und

      die vielen Kräfte deiner vielen Zukunft

      schweigend herabbogst zu dem neuen Kindkeim,

      der wieder Schicksal war. O wehe Arbeit.

      O Arbeit über alle Kraft. Du tatest

      sie Tag für Tag, du schlepptest dich zu ihr

      und zogst den schönen Einschlag aus dem Webstuhl

      und brauchtest alle deine Fäden anders.

      Und endlich hattest du noch Mut zum Fest.

      Denn da’s getan war, wolltest du belohnt sein,

      wie Kinder, wenn sie bittersüßen Tee

      getrunken haben, der vielleicht gesund macht.

      So lohntest du dich: denn von jedem andern

      warst du zu weit, auch jetzt noch; keiner hätte

      ausdenken können, welcher Lohn dir wohltut.

      Du wußtest es. Du saßest auf im Kindbett,

      und vor dir stand ein Spiegel, der dir alles

      ganz wiedergab. Nun war das alles Du

      und ganz davor, und drinnen war nur Täuschung,

      die schöne Täuschung jeder Frau, die gern

      Schmuck umnimmt und das Haar kämmt und verändert.

      So starbst du, wie die Frauen früher starben,

      altmodisch starbst du in dem warmen Hause

      den Tod der Wöchnerinnen, welche wieder

      sich schließen wollen und es nicht mehr können,

      weil jenes Dunkel, das sie mitgebaren,

      noch einmal wiederkommt und drängt und eintritt.

      Ob man nicht dennoch hätte Klagefrauen

      auftreiben müssen? Weiber, welche weinen

      für Geld, und die man so bezahlen kann,

      daß sie die Nacht durch heulen, wenn es still wird.

      Gebräuche her! wir haben nicht genug

      Gebräuche. Alles geht und wird verredet.

      So mußt du kommen, tot, und hier mit mir

      Klagen nachholen. Hörst du, daß ich klage?

      Ich möchte meine Stimme wie ein Tuch

      hinwerfen über deines Todes Scherben

      und zerrn an ihr, bis sie in Fetzen geht,

      und alles, was ich sage, müßte so

      zerlumpt in dieser Stimme gehn und frieren;

      blieb es beim Klagen. Doch jetzt klag ich an:

      den Einen nicht, der dich aus dir zurückzog,

      (ich find ihn nicht heraus, er ist wie alle)

      doch alle klag ich in ihm an: den Mann.

      Wenn irgendwo ein Kindgewesensein

      tief in mir aufsteigt, das ich noch nicht kenne,

      vielleicht das reinste Kindsein meiner Kindheit:

      ich wills nicht wissen. Einen Engel will

      ich daraus bilden ohne hinzusehn

      und will ihn werfen in die erste Reihe

      schreiender Engel, welche Gott erinnern.

      Denn dieses Leiden dauert schon zu lang,

      und keiner kanns; es ist zu schwer für uns,

      das wirre Leiden von der falschen Liebe,

      die, bauend auf Verjährung wie Gewohnheit,

      ein Recht sich nennt und wuchert aus dem Unrecht.

      Wo ist ein Mann, der Recht hat auf Besitz?

      Wer kann besitzen, was sich selbst nicht hält,

      was sich von Zeit zu Zeit nur selig auffängt

      und wieder hinwirft wie ein Kind den Ball.

      Sowenig wie der Feldherr eine Nike

      festhalten kann am Vorderbug des Schiffes,

      wenn das geheime Leichtsein ihrer Gottheit

      sie plötzlich weghebt in den hellen Meerwind:

      so wenig kann einer von uns die Frau

      anrufen, die uns nicht mehr sieht und die

      auf einem schmalen Streifen ihres Daseins

      wie durch ein Wunder fortgeht, ohne Unfall:

      er hätte denn Beruf und Lust zur Schuld.

      Denn das ist Schuld, wenn irgendeines Schuld ist:

      die Freiheit eines Lieben nicht vermehren

      um alle Freiheit, die man in sich aufbringt.

      Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies:

      einander lassen; denn daß wir uns halten,

      das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.

      Bist du noch da? In welcher Ecke bist du?—

      Du hast so viel gewußt von alledem

      und hast so viel gekonnt, da du so hingingst

      für alles offen, wie ein Tag, der anbricht.

      Die Frauen leiden: lieben heißt allein sein,

      und Künstler ahnen manchmal in der Arbeit,

      daß sie verwandeln müssen, wo sie lieben.

      Beides begannst du; beides ist in Dem,

      was jetzt ein Ruhm entstellt, der es dir fortnimmt.

      Ach du warst weit von jedem Ruhm. Du warst

      unscheinbar; hattest leise deine Schönheit

      hineingenommen, wie man eine Fahne


      einzieht am grauen Morgen eines Werktags,

      und wolltest nichts, als eine lange Arbeit,—

      die nicht getan ist: dennoch nicht getan.

      Wenn du noch da bist, wenn in diesem Dunkel

      noch eine Stelle ist, an der dein Geist

      empfindlich mitschwingt auf den flachen Schallwelln,

      die eine Stimme, einsam in der Nacht,

      aufregt in eines hohen Zimmers Strömung:

      So hör mich: Hilf mir. Sieh, wir gleiten so,

      nicht wissend wann, zurück aus unserm Fortschritt

      in irgendwas, was wir nicht meinen; drin

      wir uns verfangen wie in einem Traum

      und drin wir sterben, ohne zu erwachen.

      Keiner ist weiter. Jedem, der sein Blut

      hinaufhob in ein Werk, das lange wird,

      kann es geschehen, daß ers nicht mehr hochhält

      und daß es geht nach seiner Schwere, wertlos.

      Denn irgendwo ist eine alte Feindschaft

      zwischen dem Leben und der großen Arbeit.

      Daß ich sie einseh und sie sage: hilf mir.

      Komm nicht zurück. Wenn du’s erträgst, so sei

      tot bei den Toten. Tote sind beschäftigt.

      Doch hilf mir so, daß es dich nicht zerstreut,

      wie mir das Fernste manchmal hilft: in mir.

      FROM

      DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS BRIGGE

      (1910)

      Notes

      [Ach, aber mit Versen ist so wenig getan]

      … Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. Man sollte warten damit und Sinn und Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum Schluß, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug),—es sind Erfahrungen. Um eines Verses willen muß man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muß die Tiere kennen, man muß fühlen, wie die Vögel fliegen, und die Gebärde wissen, mit welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen. Man muß zurückdenken können an Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die man lange kommen sah,—an Kindheits-tage, die noch unaufgeklärt sind, an die Eltern, die man kränken mußte, wenn sie einem eine Freude brachten und man begriff sie nicht (es war eine Freude für einen anderen—), an Kinderkrankheiten, die so seltsam anheben mit so vielen tiefen und schweren Verwandlungen, an Tage in stillen, verhaltenen Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer überhaupt, an Meere, an Reise-nächte, die hoch dahinrauschten und mit allen Sternen flogen,—und es ist noch nicht genug, wenn man an alles das denken darf. Man muß Erinnerungen haben an viele Liebesnächte, von denen keine der andern glich, an Schreie von Kreiß-enden und an leichte, weiße, schlafende Wöchnerinnen, die sich schließen. Aber auch bei Sterbenden muß man gewesen sein, muß bei Toten gesessen haben in der Stube mit dem offenen Fenster und den stoßweisen Geräuschen. Und es genügt auch noch nicht, daß man Erinnerungen hat. Man muß sie vergessen können, wenn es viele sind, und man muß die große Geduld haben, zu warten, daß sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, daß in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.

     


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